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  • Kommunale Allianz statt Kirchturmdenken

    • Erstellungsdatum: 16.09.2019
    • Regierungsbezirk:
      Unterfranken
Unterfranken ist bayernweit führend in der interkommunalen Zusammenarbeit. Eine besonders erfolgreiche „kommunale Allianz“ ist die SpessartKraft. Nachhaltiger Tourismus, Innenentwicklung und Energiewende werden hier gemeindeübergreifend angepackt.
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Gerhart Grünanger ist nach Heimbuchenthal gekommen, um sein Elektro-Mountainbike aufzuladen. Der 77-jährige ist ein passionierter Radtouren-Fahrer. Hier in seiner Heimat, dem hügeligen Spessart, greift er gern auf sein E-Bike zurück: „Wenn ich 50 km fahre, hab ich ruckzuck 1000 Höhenmeter zusammen.“ Heimbuchenthal liegt nicht nur mitten im Spessart sondern ist hier auch so etwas wie das touristische Zentrum: Rund 60.000 Übernachtungen pro Jahr hat die 2200-Einwohner-Gemeinde zu verzeichnen. Der Spessart gilt als das größte zusammenhängende Laub-Mischwaldgebiet in Deutschland.

„Aufgrund der ‚Kurmainzer Realteilung‘ haben wir 6500 Grundstücke in der Gemeinde“, sagt Bürgermeister Rüdiger Stenger. Enge Täler mit steilen Hängen, kleinteilige Grundstücke – das habe dazu geführt, dass die Ferien- und Wanderregion im unterfränkischen Mainviereck früher extrem arm gewesen sei. Kein Wunder, dass in den ausgedehnten Wäldern die Räuber ihr Unwesen trieben, wie es die berühmte Geschichte vom „Wirtshaus im Spessart“ erzählt. „Räuberland“ heißt demnach der Tourismusverband, in dem sechs Kommunen rund um Heimbuchenthal zusammenarbeiten.

Vor einigen Jahren äußerten die ersten Gemeinden den Wunsch, die Zusammenarbeit auszuweiten, weil sie alle mit den gleichen Herausforderungen zu tun hatten: der Weiterentwicklung des Tourismus, dem demographischen Wandel, der immer mehr Gebäude-Leerstände hinterlässt, und der Energiewende. In einer Wochenend-Klausur in der Schule für Dorf- und Flurentwicklung Klosterlangheim sammelten die Vertreter von neun Kommunen Ideen und Projektvorschläge. Die Gemeinden Dammbach, Eschau, Heimbuchenthal, Leidersbach, Mespelbrunn, Mönchberg, Rothenbuch, Röllbach und Weibersbrunn erarbeiteten daraufhin unter Beteiligung der Bürger ein Integriertes Ländliches Entwicklungskonzept. 2014 wurde das ILEK fertiggestellt. Die gemeinsame Zukunftsstrategie enthält über 80 Maßnahmen in fünf Handlungsfeldern. Noch im gleichen Jahr hoben die neun Bürgermeister den Verein „Kommunale Allianz SpessartKraft“ aus der Taufe.

Kooperierende Kommunen
Ein weiterer Aufgabenbereich ist die interkommunale Zusammenarbeit. Rosenberger ist in der SpessartKraft sozusagen der „Motor“ der Allianz. Sie lädt zu Versammlungen ein und bereitet die Agenda vor, wie bei der monatlichen Bürgermeisterrunde. Entweder halbjährlich oder je nach Bedarf gibt es fachliche Treffen von Kämmerern, Geschäftsstellen- und Bauhofleitern. Außerdem organisiert die Allianz gemeinsame Winterdienst-Schulungen und den gemeindeübergreifenden Einsatz von Geräten und Maschinen. „Wir haben ein Schachthebegerät, das wir anderen Gemeinden leihen können“, nennt Bürgermeister Stenger ein Beispiel.

„Die Vereinsgründung war klug“, sagt Lena Rosenberger, „denn somit haben wir eine rechtsfähige Organisation und wenn man rechtsfähig ist, ist man auch handlungsfähig.“ Die Geographin arbeitet in Vollzeit als Allianzmanagerin der SpessartKraft. 2014 kam sie direkt vom Studium in Würzburg nach Heimbuchenthal. „Ein wichtiges Thema bei uns ist die Energie. Deshalb wurde auch der Name SpessartKraft gewählt“, lässt sie durchblicken. Als erstes großes Projekt habe der Verein ein gemeinsames Energiekonzept erstellen lassen. Die Konzepte und die begleitenden Prozesse sowie die Stelle der Allianzmanagerin werden vom Amt für Ländliche Entwicklung (ALE) gefördert: und das sowohl finanziell als auch beratend. „Wir haben in Unterfranken gute Allianzmanager“, sagt Jürgen Eisentraut, der am ALE in Würzburg die SpessartKraft betreut. Deren Aufgabe sei es, „aus einer Idee ein Projekt zu machen.“ Dazu gehöre der Blick in andere Regionen, die Akquise von Fördermitteln und hierbei das Befassen mit den vielen Programmen.

Das Energiekonzept gibt das Ziel vor, den Energieverbrauch in der Region um mehr als 50 % zu senken und alle Möglichkeiten zur nachhaltigen Energieproduktion in der Region zu nutzen. Gelinge das, könne die Allianz SpessartKraft zum bilanziellen Energieexporteur werden. Rosenberger zufolge sei im Laufe der Konzepterstellung der Bürgersensibilisierung erhöhte Aufmerksamkeit beigemessen worden: In den einzelnen Gemeinden fanden 27 ‚EnergieGeladen“-Vortragsabende und -Workshops statt. Unter dem gleichen Motto wurde ein Leitfaden zur Energieeffizienz im eigenen Zuhause veröffentlicht. Aktuell verfolgt die Allianz das Vorhaben, einen Biomassehof oder zumindest einen gemeinsamen Lagerplatz für Holzhackschnitzel zu errichten. „Das Ziel ist, die Hackschnitzel nicht weit wegzufahren und dann von weit weg wieder einzukaufen“, erläutert Rosenberger. Es gebe zwar einige Nahwärmenetze in der Region, wie das genossenschaftliche Netz in Schmachtenberg bei Mönchberg. Das sei aber noch zu wenig, um eine sichere Nachfrage gewährleisten zu können.

Neue Projekte 2019
Im laufenden Jahr sind im SpessartKraft-Gebiet schon einige Projekte ins Laufen gebracht worden: Seit Juli ist das Kommunale Immobilienportal SpessartKraft online. Hier können die Eigentümer von zum Verkauf stehenden Häusern oder Grundstücken kostenlos Inserate aufgeben. Die SpessartKraft-Kommunen haben außerdem Programme zur Innenentwicklung erarbeitet und aufgelegt, mit denen die Sanierung von erhaltenswerten Gebäuden gefördert wird. Auch der Abbruch von Gebäuden innerorts und Neubau an gleicher Stelle ist förderfähig. Die Förderbedingungen sind sehr ähnlich: In Heimbuchenthal zum Beispiel kann eine Familie mit drei Kindern einen maximalen Zuschuss von 17.500 Euro aus dem Gemeindesäckel erhalten. Sowohl mit dem Onlineportal als auch den Förderprogrammen verfolgt die SpessartKraft-Allianz Ziele der Initiative „Innen statt Außen“ der Bayerischen Verwaltung für Ländliche Entwicklung – vor allem den Erhalt lebendiger Ortskerne.

Seit Mai hat Heimbuchenthal mit der „Pedalwelt“ ein Kuriosum zu bieten (siehe unten). Doch das Fahrrad ist in jüngster Zeit ohnehin zum begehrten Objekt im Spessart geworden: „Als Wanderparadies sind wir schon weithin bekannt“, sagt Rosenberger, „wir wollten mit den Radfahrern noch eine andere Zielgruppe ansprechen, denn durch das E-Bike ist Radfahren zum Supertrend geworden.“ „Früher war der Spessart nur was für geübte Mountainbiker“, wirft Stenger ein. Während sich die hügelige Region mit herkömmlichen Rädern kaum für den Radtourismus eignet, ist sie mit E-Bikes sehr gut „erfahrbar“. So entstand in den Allianzen SpessartKraft und Südspessart die Idee, eine flächendeckende Ladeinfrastruktur für E-Bikes aufzubauen. Damit etwas Großes draus werden konnte, machten die Nachbar-Allianzen Kahlgrund-Spessart und Westspessart mit. Ganz Unterfranken ist bis auf wenige „weiße Flecken“ mit kommunalen Allianzen abgedeckt. 31 von circa 100 derartigen Allianzen Bayerns liegen in diesem Regierungsbezirk. „Früher war das Kirchturmdenken ausgeprägter“, sagt Stenger, „heute machen wir viele gemeinsame Projekte.“

Die vier Allianzen kooperierten für den Aufbau der Ladeinfrastruktur mit den Lokalen Aktionsgruppen Spessart und Main4eck. Somit konnte eine 70-prozentige Leader-Förderung in Anspruch genommen werden. Im Rahmen des Projektes „Wald erFahren“ wurden mittlerweile 53 Ladestationen in 25 Gemeinden installiert, an denen E-Bikes kostenlos geladen werden können. „Um die Ladezeit nutzen zu können, sind Gasthäuser, Cafés oder Supermärkte ideale Standorte“, sagt Radfahrer Gerhart Grünanger. „Orte mit hoher Aufenthaltsqualität“, ergänzt Rosenberger, die inzwischen in Elternzeit weilt und von Alexa Sigmund vertreten wird. Geeignete Forst- und Feldwege eingeschlossen habe das Projektgebiet rund 3000 km Radwege zu bieten. Wald erFahren konnte schon mehrere Preise in den Bereichen umweltfreundliche Mobilität und nachhaltiger Tourismus einheimsen. Der Erfolg ließ Gemeinden aus Nachbargebieten hellhörig werden, weshalb das Gebiet erweitert werden soll: Zurzeit läuft schon die Ausschreibung für 39 weitere Ladestationen in 22 neuen Projektkommunen.

Nähere Infos:
www.spessartkraft.de
www.kip.net/spessartkraft
www.walderfahren.de
www.vgem-mespelbrunn.de/Heimbuchenthal

Text und Bilder: Christian Dany


ZUSATZINFO

Das Fahr(rad)spaß-Museum
Die „Pedalwelt“, die im Mai ihre Pforten öffnete, ist eine Ausstellung von über 100 ausgefallenen bis verrückten Fahrrädern: Liege- und Hochräder, Rücken-an-Rücken-Tandems und so weiter. In zentraler Lage neben dem Musikpavillon hat die Gemeinde hierfür ein Gebäude mit samt dem Spaßparcours zum Testen der Räder errichtet. Der Radweg entlang des Flüsschens Elsava führt direkt daran vorbei. Die Exponate, die ein großer Spaß für Familien oder Schulklassen sind, gehören einem privaten Sammler, der die Ausstellung auch betreibt. www.pedalwelt.de
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